Cannabis-Forschung
Warum hochsensible Menschen Cannabis nutzen

Menschen, die als hochsensibel beschrieben werden, werden oft als besonders anfällig für Cannabismissbrauch angesehen. Die Logik erscheint einfach: Wenn jemand Geräusche, sozialen Druck, emotionale Schwankungen oder andere Reize intensiver wahrnimmt, könnte Cannabis zu einem Mittel werden, um eine überwältigende Welt zu beruhigen. Neue Forschung legt nahe, dass diese Erklärung zu simpel ist.
Eine Studie1 von jungen Erwachsenen in Quebec ergab, dass sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Cannabiskonsum, häufigerer Nutzung oder mehr Missbrauchssymptomen verbunden war. Stattdessen stand die Empfindlichkeit im Zusammenhang mit den Gründen, warum einige Teilnehmende Cannabis nutzten. Diese Gründe reichten von Bewältigung und Geselligkeit bis hin zur Steigerung angenehmer Erlebnisse und der Erkundung kreativer oder introspektiver Zustände.
Der Unterschied ist bedeutsam. Die Frequenz zeigt, wie oft jemand Cannabis konsumiert, aber das Motiv erklärt, welche Funktion der Konsum erfüllt. Zwei Personen, die gleich häufig konsumieren, können unterschiedliche Verwundbarkeiten, Erwartungen und Unterstützungsbedürfnisse haben. Wenn man über ein Persönlichkeitslabel hinausblickt und fragt, was Cannabis für die jeweilige Person bewirkt, können Forschende und Kliniker ein nützlicheres Bild des Verhaltens erhalten.
Was ist sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit?
Sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit (SPS) ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das eine erhöhte Reaktionsbereitschaft auf innere und äußere Reize beinhaltet. Außerhalb von Forschungskontexten wird es häufig als hochsensible Person beschrieben. Es handelt sich dabei nicht um eine psychiatrische Diagnose und sollte nicht mit einer sensorischen Verarbeitungsstörung verwechselt werden.
Die Forschenden maßen SPS mit der 27‑Item‑Skala für hochsensible Personen. Sie berücksichtigten einen Gesamtsensitivitätswert sowie zwei unterschiedliche Dimensionen. Niedrige sensorische Schwelle und leichte Erregbarkeit, zusammengefasst als LST/EOE, spiegeln unangenehme sensorische Erregung und ein leichtes Überwältigtsein wider. Ästhetische Empfindlichkeit (AES) steht für Offenheit und Reaktionsfähigkeit gegenüber positiven Erlebnissen, einschließlich Kunst, Schönheit und anderen belohnenden Reizen.
Diese Unterscheidung ist zentral für die Studie. Empfindlichkeit bezieht sich nicht ausschließlich auf Belastung. Die Aufnahmebereitschaft für positive Erlebnisse kann den Cannabiskonsum anders beeinflussen als die Empfindlichkeit gegenüber Überstimulation.
Wie die Forschenden die Cannabismotive untersuchten
Die Studie umfasste 195 Teilnehmende der Quebec Longitudinal Study of Child Development. Alle waren etwa 23 Jahre alt, als sie 2020 bzw. 2021 beurteilt wurden. Von der Gesamtheit berichteten 96 über Cannabiskonsum und wurden in die Modelle zur Untersuchung von Frequenz, Missbrauchssymptomen und Motiven einbezogen.
Die Teilnehmenden gaben die Cannabiskonsumfrequenz über ein Item aus dem Daily Sessions, Frequency, Age of Onset, and Quantity of Cannabis Use Inventory an. Potenzielle Probleme wurden mit dem sechs‑Item‑Cannabis Abuse Screening Test gemessen. Die Forschenden nutzten zudem ein angepasstes Marijuana Motives Measure, das fünf häufige Konsumgründe abdeckte:
- Steigerung, also das Intensivieren positiver Erlebnisse
- Geselligkeit und Verbesserung von Interaktionen
- Anpassung oder Eingliederung in Gruppen
- Bewältigung belastender psychischer Zustände
- Erweiterung, einschließlich Kreativität und Selbsterkenntnis
Die Analysen kontrollierten das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht, den Bildungsstand, den Partnerstatus sowie den Zeitpunkt der Fragebogenausfüllung (vor oder während der COVID‑19‑Pandemie). Die Forschenden wendeten zudem eine Korrektur für Mehrfachvergleiche an, ein wichtiges Sicherheitsmaß, wenn viele mögliche Zusammenhänge getestet werden.
Empfindlichkeit sagte keinen Cannabismissbrauch voraus
Das klarste Ergebnis war zugleich das kontraintuitivste. Gesamtes SPS war nicht signifikant mit dem Cannabiskonsum, der Konsumfrequenz von Cannabiskonsumenten oder der Anzahl gemeldeter Missbrauchssymptome verbunden. LST/EOE zeigte ebenfalls keinen Zusammenhang mit Frequenz und Missbrauchssymptomen.
Ästhetische Empfindlichkeit zeigte zunächst Zusammenhänge mit höherer Frequenz und mehr Missbrauchssymptomen. Nach der Korrektur für Mehrfachvergleiche blieb der Zusammenhang mit Missbrauch jedoch nicht signifikant. Der Frequenzzusammenhang überstand die Korrektur, doch die Autor*innen fassten das breitere Muster vorsichtig zusammen: Empfindlichkeit selbst deutet nicht auf ein höheres oder niedrigeres Missbrauchsrisiko hin.
Dieses Ergebnis stellt die Annahme infrage, dass Menschen, die leicht überstimuliert werden, zwangsläufig Cannabis als Fluchtmittel nutzen. Es warnt zudem davor, eine hochsensible Persönlichkeit als Schnelltest zu verwenden. Etablierte Faktoren wie das Alter beim ersten Konsum, Potenz, täglicher oder nahezu täglicher Konsum, Vorgeschichte psychischer Erkrankungen und funktionale Beeinträchtigungen bleiben direkter relevant für das Risiko. Dieser breitere Kontext ist wichtig, wenn man über Cannabis und Psychoserisiken spricht, die nicht gleichmäßig auf alle Konsument*innen verteilt sind.
Verschiedene Formen von Empfindlichkeit wiesen auf unterschiedliche Motive hin
| Messung der Empfindlichkeit | Signifikante Motive | Standardisierter Effekt |
|---|---|---|
| Gesamtes SPS | Sozial, Bewältigung, Erweiterung | β = 0.350, 0.231, 0.418 |
| LST/EOE | Sozial, Konformität | β = 0.321, 0.295 |
| Ästhetische Empfindlichkeit | Steigerung, Erweiterung | β = 0.369, 0.485 |
Die Tabelle zeigt, warum das Zusammenfassen aller Empfindlichkeitsaspekte in einem einzigen Score nützliche Informationen verdecken kann. Teilnehmende mit höherem LST/EOE berichteten eher über soziale und konforme Motive. Dies kann Unbehagen in anspruchsvollen sozialen Situationen, den Wunsch, Reibungen zu verringern, oder den Druck, teilzunehmen, widerspiegeln. Es beweist nicht, dass Cannabis Überstimulation lindert, identifiziert jedoch Situationen, in denen soziale Erwartungen eine Rolle spielen könnten.
Ästhetische Empfindlichkeit zeigte ein anderes Muster. Sie war mit den Motiven Steigerung und Erweiterung verbunden, also dem Wunsch, Genuss zu intensivieren, das Selbstverständnis zu vertiefen oder kreative Erlebnisse zu ermöglichen. Dieses Ergebnis passt zu einem Merkmal, das teilweise durch Offenheit für positive Reize definiert ist. Es beweist nicht, dass Cannabis die Kreativität steigert. Stattdessen zeigt es, dass Teilnehmende mit höherer ästhetischer Empfindlichkeit eher diese Erlebnisse erwarten oder suchen.
Gesamtes SPS war mit sozialen, Bewältigungs- und Erweiterungsmotiven verbunden. Diese breitere Streuung erklärt, warum ein einheitliches Narrativ zur Selbstmedikation unzureichend ist. Ein aktueller Überblick zu warum Menschen Cannabis verwenden betont ebenfalls, dass Motive vielfältig sind und für das Verständnis von Ergebnissen von Bedeutung.
Warum das Motiv wichtiger sein könnte als ein Persönlichkeitslabel
Der nützlichste Beitrag der Studie ist nicht ein neues Label für Cannabiskonsument*innen. Sie erinnert daran, dass Verhalten im Kontext interpretiert werden muss. Durch Konformität motivierter Konsum kann auf Schwierigkeiten beim Setzen von Grenzen in einer Peer‑Gruppe hinweisen. Soziale Motive können Erwartungen widerspiegeln, dass Cannabis Interaktionen erleichtert. Bewältigungsmotive können auf emotionale Belastung hindeuten. Motive der Steigerung und Erweiterung können aus dem Streben nach Vergnügen, Neuheit, Introspektion oder Kreativität entstehen.
Diese Wege können sich überschneiden, sind jedoch nicht austauschbar. Eine allgemeine Botschaft, weniger zu konsumieren, könnte den Nutzen übersehen, den die Person in Cannabis sieht. Ein gezieltes Gespräch kann erfragen, was dem Konsum vorausgeht, welches Ergebnis erwartet wird und welche Kosten entstehen. Das macht Prävention und Behandlung präziser.
Für jemanden, der Cannabis nutzt, um sozialen Druck zu bewältigen, könnten hilfreiche Strategien Durchsetzungsvermögen, Planung für überstimulierende Umgebungen und Möglichkeiten, gesellig zu sein, ohne zu konsumieren, umfassen. Für jemanden, der nach Erweiterung oder Steigerung sucht, könnten Alternativen kreative Praxis, Achtsamkeit oder sensorische Aktivitäten sein. Wenn Bewältigung dominierend ist, könnte das zugrunde liegende Problem die zugrundeliegende Belastung sein und nicht allein die Empfindlichkeit.
Aktuelle Hinweise zu Cannabis und psychischer Gesundheit warnen zudem, dass die Verwendung von Cannabis gegen Stress, Angst oder Depression nicht bedeutet, dass es die psychische Gesundheit langfristig verbessert, insbesondere bei täglichem oder nahezu täglichem Konsum. Das Motiv ist daher ein Ausgangspunkt für die Bewertung, nicht ein Beweis für Nutzen oder Sicherheit.
Was die Studie nicht sagen kann
Die Ergebnisse sollten innerhalb klarer Grenzen interpretiert werden. Es handelte sich um eine Querschnittsstudie, sodass nicht festgestellt werden kann, ob Empfindlichkeit Motive formt, Cannabiskonsum die Art und Weise verändert, wie Menschen Empfindlichkeit berichten, oder ein anderer Faktor beides beeinflusst. Alle Messungen basierten auf Selbstangaben, was potenzielle Erinnerungs‑ und Methoden‑Bias erzeugt.
Die Stichprobe war zudem klein, insbesondere die Untergruppe von 96 Cannabiskonsument*innen. Die Teilnehmenden waren stärker gebildet als die Allgemeinbevölkerung, fast zwei Drittel wurden bei der Geburt weiblich zugeordnet, und alle stammten aus einer einzigen quebecer Längsschnittkohorte. Die Ergebnisse lassen sich möglicherweise nicht auf diversere Populationen oder klinische Gruppen mit schweren cannabisbezogenen Problemen übertragen.
Entscheidend ist, dass die Forschenden die Frequenz, jedoch nicht die Menge, THC‑Potenz, Cannabinoid‑Zusammensetzung, Produktart oder Verabreichungsweg maßen. Jemand, der monatlich ein Produkt mit niedriger Dosis nutzt, und jemand, der monatlich ein hochpotentes Konzentrat konsumiert, fallen in dieselbe grobe Frequenzkategorie, obwohl sie sehr unterschiedliche Expositionen haben. Zukünftige Studien benötigen präzisere Produkt‑ und Dosisdaten, wiederholte Messungen über die Zeit und größere Stichproben, die prüfen können, ob bestimmte Motive späteren Schaden vorhersagen.
Ein besseres Rahmenwerk zum Verständnis des Cannabiskonsums
Die Ergebnisse sprechen gegen die Annahme, dass eine hochsensible Person von Natur aus zu Cannabismissbrauch neigt. Empfindlichkeit erweist sich als aufschlussreicher, wenn Forschende ihre Dimensionen untersuchen und mit Motiven verknüpfen, anstatt sie als einfachen Risikofaktor zu behandeln.
Dies hat Auswirkungen über SPS hinaus. Die Cannabispforschung stützt sich häufig auf Kategorien wie Nutzer vs. Nicht‑Nutzer oder gelegentlicher vs. häufiger Konsument. Diese Kategorien sind nützlich, aber unvollständig. Die Frage nach dem Warum des Konsums kann aufdecken, ob Cannabis für Zugehörigkeit, emotionale Regulation, Vergnügen, Kreativität oder mehrere Funktionen gleichzeitig verwendet wird.
Dieses Prinzip könnte auch aufkommende Interventionen verbessern. Forschungen zu potenziellen Behandlungen von Cannabisabhängigkeit untersuchen neue biologische Werkzeuge, doch jede Behandlung wirkt weiterhin im psychologischen und sozialen Umfeld einer Person. Das alleinige Reduzieren von Verlangen kann den Gruppendruck, sensorische Überforderung oder das Streben nach kreativer Betätigung nicht adressieren.
Die praktische Erkenntnis ist nicht, dass Motive Messungen von Frequenz, Potenz oder Beeinträchtigung ersetzen. Sie fügen erklärende Tiefe hinzu. Für hochsensible junge Erwachsene offenbart diese Tiefe ein differenziertes Bild: keine eindeutige Zunahme von Missbrauch, aber bedeutsame Unterschiede darin, was einige Konsument*innen von Cannabis erwarten. Das Verständnis dieser Unterschiede könnte helfen, pauschale Annahmen durch auf die Person zugeschnittene Interventionen zu ersetzen.
Referenzen:
1. Rioux, C., Childers‑Rockey, Z. A., Hill, A., Freeman, C. L., Chiramel, J., Jamison, W. J., Séguin, J. R., Webb, J. R., Parent, S., & Castellanos‑Ryan, N. (2027). Zusammenhänge von sensorischer Verarbeitungsempfindlichkeit mit Cannabismotiven und Konsum bei jungen Erwachsenen. Addictive Behaviors, 184, 108833. https://doi.org/10.1016/j.addbeh.2026.108833












