Gespräche
Jesús Viosca Ros, Sport- und Exercise-Medizin-Doktor & ECS-Forscher – Interview-Serie

In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein für das therapeutische Potenzial des Endocannabinoid-Systems (ECS) bei der Behandlung verschiedener Gesundheitszustände, insbesondere chronischer Schmerzen, kontinuierlich entwickelt. Trotz seiner Bedeutung bleibt die medizinische Ausbildung zum ECS jedoch weitgehend unzureichend. Viele Ärzte sind mit diesem lebenswichtigen Regulations-System, das eine entscheidende Rolle bei der Modulation der Schmerzwahrnehmung, Entzündung und Stressreaktion spielt, nicht vertraut. Daher besteht ein dringender Bedarf an umfassenden Forschungs- und Bildungsinitiativen, um diese Wissenslücke zu schließen und Gesundheitsfachleute mit den Werkzeugen auszustatten, um das ECS in der Patientenversorgung zu nutzen.
Jesús Visoca Ros ist ein renommierter Sport- und Exercise-Medizin-Spezialist mit einem besonderen Interesse an medizinischem Cannabis und dem ECS. In diesem exklusiven Interview gibt Dr. Ros Einblicke in seine kürzliche Übersichtsarbeit, die die Beziehung zwischen dem ECS und muskuloskelettalen Schmerzen erforscht. Auf der Grundlage seiner umfassenden Erfahrung in der Sportmedizin und Forschung bietet Dr. Ros wertvolle Einblicke in die potenziellen Anwendungen des ECS bei der Schmerzbehandlung.
MyCannabis: Können Sie sich vorstellen und Ihre Erfahrung in der Sportmedizin teilen?
Dr. Ros: : Natürlich. Mein Name ist Jesús Visoca Ross. Ich wurde in Valencia, Spanien, geboren und verbrachte den größten Teil meiner Kindheit in Cadiz. Mein Weg in die Sportmedizin begann, als ich nach meinem Studium der Allgemeinmedizin eine Spezialisierung in Sport- und Exercise-Medizin aufnahm. Im Laufe der Jahre hatte ich das Privileg, mit professionellen Fußballspielern zu arbeiten, sowie Erfahrungen in der Notfallmedizin und verschiedenen medizinischen Abteilungen zu sammeln.
MyCannabis: Was hat Ihr Interesse an medizinischem Cannabis und dem Endocannabinoid-System initial geweckt?
Dr. Ros: Mein Interesse an medizinischem Cannabis reicht zurück bis zu meiner Zeit im Medizinstudium, vor fast zwei Jahrzehnten. Ich stieß zum ersten Mal auf sein Potenzial während einer Studie über die Behandlung aggressiver Hirntumore mit THC. Trotz der Skepsis einiger meiner Kommilitonen und Professoren war ich von den Möglichkeiten fasziniert. Mein Interesse vertiefte sich, als ich Forschungen von renommierten Institutionen wie der Universität Madrid erforschte, wo bahnbrechende Studien zum Endocannabinoid-System durchgeführt wurden.
MyCannabis: Können Sie uns durch Ihre kürzliche Übersichtsarbeit über das Endocannabinoid-System und muskuloskelettale Schmerzen führen?
Dr. Ros: Sicher. Meine kürzliche Übersichtsarbeit, die im Rahmen meiner Masterarbeit durchgeführt wurde, diskutiert die Beziehung zwischen dem Endocannabinoid-System und muskuloskelettalen Schmerzen. Durch eine umfassende Untersuchung der vorhandenen Literatur versuchte ich, herauszufinden, wie verschiedene Faktoren wie Bewegung, Ernährung und Stress dieses komplexe System und seine Rolle bei der Modulation der Schmerzwahrnehmung beeinflussen. Es war eine faszinierende Reise, die die Analyse von etwa 100 Artikeln beinhaltete, um das Puzzle zusammenzusetzen.
MyCannabis: Was waren einige überraschende Erkenntnisse oder Einblicke, die Sie während Ihrer Forschung gewonnen haben?
Dr. Ros: Eine der faszinierendsten Entdeckungen meiner Forschung war die bedeutende Rolle des Endocannabinoid-Systems bei der Schmerzlinderung, insbesondere bei Erkrankungen wie Arthritis. Im Gegensatz zur gängigen Meinung, die die euphorischen Effekte von Bewegung oft den Endorphinen zuschreibt, entdeckte ich, dass die Freisetzung von Endocannabinoiden auch eine entscheidende Rolle spielt. Darüber hinaus fand ich heraus, dass bestimmte Medikamente wie Paracetamol und Ibuprofen das Endocannabinoid-System indirekt aktivieren, um Schmerzen zu lindern – eine Entdeckung, die neue Erkenntnisse über ihre Wirkungsmechanismen lieferte.
MyCannabis: Wie stellen Sie sich die praktische Anwendung Ihrer Forschung vor, insbesondere im Kontext der Schmerzbehandlung?
Dr. Ros: Obwohl meine klinische Erfahrung mit medizinischem Cannabis aufgrund der regulatorischen Einschränkungen in Spanien begrenzt ist, bin ich fest davon überzeugt, dass es ein enormes Potenzial gibt, das Endocannabinoid-System für die Schmerzbehandlung zu nutzen. Topische CBD-Cremes haben sich als vielversprechender Ansatz für die Schmerzlinderung erwiesen, aber es gibt noch viel zu entdecken. Meine Hoffnung ist es, diese Erkenntnisse weit zu verbreiten, um Gesundheitsfachleute mit evidenzbasierten Einblicken in Schmerzbehandlungsstrategien auszustatten.
MyCannabis: Was sind Ihre Aspirationen für zukünftige Forschung in diesem Bereich?
Dr. Ros: Meine Aspirationen für zukünftige Forschung in diesem Bereich sind zweifach. Erstens hoffe ich, dass die Erforschung der Komplexität des Endocannabinoid-Systems und seines therapeutischen Potenzials, insbesondere im Bereich der Schmerzbehandlung, fortgesetzt wird. Das Verständnis, wie Faktoren wie Ernährung, Stress und Bewegung dieses System beeinflussen, könnte den Weg für effektivere Behandlungsmethoden ebnen. Zweitens strebe ich danach, zu diesem Wissenskorpus beizutragen, indem ich weitere Forschung durchführe und mit anderen Experten in diesem Bereich zusammenarbeite. Letztendlich ist mein Ziel, das Leben von Patienten mit muskuloskelettalen Schmerzen durch evidenzbasierte Interventionen zu verbessern.
Es war ein großes Vergnügen, dieses Gespräch mit Ihnen zu führen, Dr. Ros, und wir freuen uns darauf, Ihre Übersichtsarbeit veröffentlicht zu sehen.












