Cannabis-Forschung

THC senkt den Augeninnendruck, reicht aber bei Glaukom nicht aus

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Seit Jahrzehnten fasziniert ein ungewöhnlicher Effekt von Cannabis die Forschung: THC kann den Druck im Auge senken. Diese Beobachtung hat Fragen darüber aufgeworfen, ob Cannabinoide künftig eine Rolle bei der Glaukombehandlung spielen könnten.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse hat die klinische Evidenz nun genauer untersucht. Die Ergebnisse bestätigen, dass THC den Augeninnendruck (IOD) senken kann. Sie zeigen jedoch auch eine wichtige Einschränkung, die erklärt, warum Cannabis nicht zur Standardtherapie bei Glaukom geworden ist. Die Befunde deuten darauf hin, dass sich die künftige Cannabinoidforschung möglicherweise gar nicht auf das Rauchen oder den Konsum von Cannabis konzentrieren wird. Stattdessen suchen Forschende nach Möglichkeiten, die Cannabinoidrezeptoren des Auges zu nutzen, ohne die systemischen und psychoaktiven Wirkungen von THC auszulösen. Die Studie zeigt, was dies für die Entwicklung pharmazeutischer Therapien auf Cannabinoidbasis bedeuten könnte.

Was ist der Augeninnendruck?

Augeninnendruck bezeichnet den Druck, der durch Flüssigkeit im Auge entsteht. Die Aufrechterhaltung eines gesunden IOP ist wichtig, weil zu hoher Druck zu Schäden am Sehnerv führen kann, dem Strukturelement, das visuelle Informationen vom Auge zum Gehirn überträgt.

Glaukom ist weltweit eine der Hauptursachen für irreversible Erblindung. Im Jahr 2020 waren schätzungsweise 79,6 Millionen Menschen von der Erkrankung betroffen; bis 2040 wird diese Zahl voraussichtlich auf 111,8 Millionen ansteigen. Die Senkung des IOP ist eine der zentralen Strategien zur Behandlung von Glaukom. Je nach Schweregrad kann die Therapie eine IOP‑Reduktion von etwa 20 % bis 30 % anstreben, bei fortgeschrittenem Glaukom manchmal sogar 30 % bis 40 % erfordern.

Das erklärt, warum die Frage zu THC komplexer ist, als nur zu prüfen, ob es den Augeninnendruck senkt. Entscheidend ist, ob es den IOP ausreichend, zuverlässig und langfristig senken kann, um Menschen mit Glaukom zu schützen.

Studie untersucht THC und Augeninnendruck

Die im Canadian Journal of Ophthalmology veröffentlichte Studie1 ist eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse früherer Untersuchungen zu THC und Augeninnendruck. Anstatt sich auf ein einzelnes Experiment zu stützen, bündelten die Forschenden die verfügbare Evidenz, um abzuschätzen, wie stark THC den IOD in verschiedenen Studien und bei unterschiedlichen Verabreichungsformen beeinflusste.

Die Übersichtsarbeit umfasste fünf Studien mit 99 Patienten, von denen 69 THC ausgesetzt waren oder eine THC‑Intervention erhielten. Untersucht wurden intravenös, oral und topisch verabreichte THC‑Präparate. Gerade die Unterschiede zwischen diesen Verabreichungsformen sind aufschlussreich.

THC kann den Augeninnendruck tatsächlich senken

Über alle eingeschlossenen Studien hinweg war THC mit einer gepoolten maximalen IOD‑Senkung von 14,66 % verbunden. Insgesamt war die Senkung statistisch signifikant. Auf den ersten Blick klingt das ermutigend: Ein Stoff, der den Augeninnendruck um fast 15 % senkt, könnte therapeutisches Potenzial besitzen. Die Art der Verabreichung machte jedoch einen erheblichen Unterschied.

Intravenös verabreichtes THC erzielte die größte gepoolte Spitzenreduktion von 33.27 %. Oral verabreichtes THC zeigte eine deutlich geringere geschätzte Reduktion von 10.65 %, während topisch verabreichtes THC eine geschätzte Reduktion von 9.36 % erreichte. Wichtig ist, dass die Konfidenzintervalle für die oralen und topischen Ergebnisse die Null überschritten, was bedeutet, dass die Evidenz für diese Applikationsformen nicht statistisch eindeutig ist.

Die Forschenden betrachteten außerdem vier Studien, in denen THC direkt mit einer Kontrollgruppe verglichen wurde. In dieser Analyse führte THC zu einer gepoolten maximalen IOD‑Senkung von 6,88 %; der Unterschied zur Kontrollgruppe war jedoch nicht statistisch signifikant. Die Evidenz zeigt, dass THC den IOD senken kann, doch im direkten Vergleich mit einer Kontrolle war die Wirkung weniger überzeugend.

Warum die Senkung des Augeninnendrucks allein nicht ausreicht

Die größte Herausforderung besteht nicht darin, ob THC den Augeninnendruck beeinflussen kann, sondern darin, ob diese Wirkung als Glaukomtherapie praktisch nutzbar ist. Glaukomtherapien sind in der Regel darauf ausgelegt, eine dauerhafte und vorhersehbare IOP‑Kontrolle zu gewährleisten. Konventionelle Behandlungen umfassen Prostaglandin‑Analoga, Betablocker, Alpha‑Adrenerge Agonisten, Carboanhydrase‑Hemmer, Rho‑Kinase‑Inhibitoren und Miotika. Manche Patienten benötigen mehr als ein Medikament, um den Ziel‑IOP zu erreichen.

THC stellt ein anderes Problem dar. Frühere Humanstudien haben gezeigt, dass inhaliertes THC den IOP senken kann, jedoch ist dieser Effekt nur von kurzer Dauer. Eine Studie mit gesunden Erwachsenen ergab, dass inhaliertes THC den IOP um bis zu 16 % senkte, wobei die Reduktion mehrere Stunden anhielt, bevor sie allmählich nachließ. Das mag für den Nachweis einer biologischen Aktivität nützlich sein, doch Glaukom ist eine chronische Erkrankung, die eine langfristige Druckkontrolle erfordert. Eine Behandlung, die nur eine kurzzeitige Reduktion bewirkt und zudem systemische Effekte auslöst, ist schwer als Ersatz für speziell für Glaukom entwickelte Medikamente zu nutzen.

Das psychoaktive Problem von THC

Ein weiteres offensichtliches Hindernis besteht darin, dass THC nicht nur am Auge wirkt. Wird THC inhaliert oder konsumiert, gelangt es in den systemischen Kreislauf und interagiert mit Cannabinoidrezeptoren im gesamten Körper und Gehirn. Zu den psychoaktiven Wirkungen können Veränderungen der Wahrnehmung, der Kognition und der Aufmerksamkeit gehören.

Daraus ergibt sich ein entscheidendes Missverhältnis: Forschende wollen die drucksenkende Wirkung im Auge nutzen, Patienten möchten jedoch nicht bei jeder Regulierung ihres IOD sämtliche übrigen THC‑Wirkungen erleben. Deshalb werden zunehmend Cannabinoidverbindungen untersucht, die gezielt auf Signalwege im Auge wirken können, ohne erhebliche systemische oder psychoaktive Effekte hervorzurufen.

Wie Cannabinoide den Augeninnendruck beeinflussen können

Das Auge enthält Bestandteile des Endocannabinoidsystems, darunter Cannabinoidrezeptoren in Strukturen, die an der Regulierung des Kammerwassers beteiligt sind. Forschende haben mehrere Mechanismen vorgeschlagen, über die Cannabinoide den IOD beeinflussen könnten, etwa Veränderungen bei Bildung und Abfluss des Kammerwassers. Die Cannabinoidsignalgebung könnte Strukturen wie das Trabekelwerk und den Schlemm‑Kanal beeinflussen, die für den Flüssigkeitsabfluss aus dem Auge wichtig sind.

Hier liegt ein besonders vielversprechender Forschungsansatz. Wenn sich bestimmen lässt, welche Cannabinoidrezeptoren und Signalwege für die IOD‑Senkung verantwortlich sind, könnten Medikamente entwickelt werden, die diese Wege präziser ansteuern. Die wertvolle Erkenntnis ist somit möglicherweise nicht, dass Cannabis den Augeninnendruck senken kann, sondern dass das Cannabinoidsystem des Auges therapeutische Zielstrukturen bietet.

Zielgerichtete Cannabinoid‑Medikamente könnten der nächste Schritt sein

Forschende haben bereits synthetische Cannabinoidrezeptor‑Agonisten und andere Verbindungen auf Cannabinoidbasis als mögliche Augenmedikamente untersucht. Weitere Arbeiten befassen sich mit Formulierungen, die Cannabinoidverbindungen besser direkt ins Augengewebe transportieren und zugleich die systemische Exposition verringern sollen. Dieser Ansatz könnte mehrere Probleme zugleich lösen: mehr Wirkstoff könnte das Auge erreichen, die Wirkdauer könnte steigen und unerwünschte Wirkungen im übrigen Körper könnten abnehmen.

Nicht psychoaktive Cannabinoide und Verbindungen, die selektiv mit Cannabinoidrezeptoren interagieren, sind daher ein wichtiges Gebiet für künftige Untersuchungen.

THC ist kein Heilmittel gegen Glaukom

Die Metaanalyse ist kein Beleg dafür, dass Menschen mit Glaukom ihre verordnete Behandlung durch Cannabis ersetzen sollten. THC senkte den IOD insgesamt signifikant, doch im Vergleich zur Kontrollgruppe war die Wirkung weniger überzeugend. Zudem war die Evidenzbasis mit lediglich fünf Studien und insgesamt 99 Teilnehmenden klein.

Für die Einordnung ist entscheidend, dass ein statistisch messbarer biologischer Effekt nicht automatisch einer wirksamen klinischen Behandlung entspricht. Bei Glaukom wird Evidenz benötigt, dass eine Intervention den Druck zuverlässig und dauerhaft kontrolliert und dazu beiträgt, das Sehvermögen langfristig zu erhalten.

Außerdem besteht ein wichtiger Unterschied zwischen der Senkung des IOD und dem Schutz des Sehnervs. Zwar wurden neuroprotektive Wirkungen von Cannabinoiden vorgeschlagen, doch es gibt bislang keine eindeutige klinische Evidenz dafür, dass THC oder Cannabis einen glaukombedingten Sehverlust durch Neuroprotektion verhindert.

Was die Forschung für Cannabis bedeutet

Die neuen Befunde ergänzen ein jahrzehntealtes wissenschaftliches Rätsel. THC kann offenbar den Augeninnendruck senken; die in früheren Untersuchungen beobachtete Wirkung ist somit nicht bloß ein Mythos rund um medizinisches Cannabis. Ausmaß, Beständigkeit, Unterschiede je nach Verabreichungsform und praktische Einschränkungen machen THC selbst derzeit jedoch zu keinem wahrscheinlichen Ersatz für etablierte Glaukommedikamente.

Die interessantere Chance könnte im Auge selbst liegen. Durch die Untersuchung von Cannabinoidrezeptoren und Signalwegen, welche die Flüssigkeitsdynamik des Auges regulieren, könnten künftig zielgerichtete Cannabinoidmedikamente entstehen, die den IOD ohne die psychoaktiven THC‑Wirkungen senken. Damit verschiebt sich die Frage von Kann Cannabis Glaukom behandeln? hin zu Kann die Cannabinoidbiologie zur Entwicklung besserer Glaukommedikamente beitragen?

Bislang weist die Evidenz auf eine Möglichkeit, nicht auf einen Beweis hin. THC kann den Augeninnendruck senken, doch um diesen biologischen Effekt in eine praktikable Glaukombehandlung zu überführen, sind wesentlich präzisere und gezieltere Medikamente erforderlich.

References:

1. Dhivagaran T, Butt F, Mathew D Intraocular pressure-lowering effects of tetrahydrocannabinol drugs: a systematic review and meta-analysis Canadian Journal of Ophthalmology, 2026; 0 https://www.canadianjournalofophthalmology.ca/article/S0008-4182(26)00150-X/fulltext

Sarah Schwefel ist eine Journalistin, Forschungsanalystin, Referentin und Patientenvertreterin. Nachdem sie für den Zugang zu Cannabis für ihre eigene Gesundheit umgezogen war, wurde sie in die Cannabis- und Hanfindustrie hineingezogen, um sich selbst und anderen Patienten besser helfen zu können. Im Jahr 2020 wurde sie in Endocannabinoid-Medizin-Studien von der American Journal of Endocannabinoid Medicine zertifiziert. Sarah nutzt ihr Fachwissen, um mit ihren Texten zu verschiedenen Themen, darunter Gesetzgebung und die Vorteile pflanzlicher Medizin, zu informieren und sich für die Interessen von Patienten einzusetzen.