Regulierung
Kann in Apotheken verkaufter Cannabis Schaden reduzieren?

Die Legalisierung von Cannabis wird häufig als einfache Gegenüberstellung von Verbot und kommerziellem Einzelhandel dargestellt. Eine neue Schweizer Studie legt nahe, dass diese Einordnung die möglicherweise wichtigste Variable übersieht: wie der legale Zugang gestaltet ist.
Forscher verfolgten 374 erwachsene Teilnehmende des Weed Care‑Pilotprojekts von Basel‑Stadt, bei dem Freizeit‑Cannabis über Apotheken im Rahmen eines streng kontrollierten Modells verteilt wurde.1 Nach einem Jahr gaben die Teilnehmenden an, Cannabis etwas häufiger zu konsumieren. Die Menge pro Konsumtag blieb jedoch stabil, während die durchschnittlichen Werte für Depression, Angst und problematischen Cannabiskonsum zurückgingen.
Die Verbesserungen waren bescheiden, und die Studie kann nicht beweisen, dass der Apothekenzugang sie verursacht hat. Dennoch stellen die Ergebnisse die Annahme infrage, dass ein leichterer Zugang zu Cannabis zwangsläufig zu mehr Schaden führt. Sie werfen zudem eine nützlichere politisch‑strategische Frage auf: Könnte ein nicht‑kommerzielles Modell legalen Zugang ermöglichen, ohne die gleichen Anreize zu erzeugen, die in herkömmlichen Einzelhandelsmärkten vorherrschen?
Wie das Apotheken‑Cannabis‑Modell der Schweiz funktioniert
Weed Care ist einer von mehreren genehmigten Schweizer Cannabis‑Pilotstudien, die darauf abzielen, Evidenz für zukünftige Regulierungen zu schaffen. Im Gegensatz zu einem typischen Dispensary‑Markt ist sein Zweck nicht, den Umsatz zu maximieren oder neue Kund*innen zu gewinnen.
Teilnehmende konnten qualitätskontrolliertes Cannabis in Apotheken erwerben. Die Produkte waren auf maximal 20 % THC begrenzt, und jede Person durfte höchstens 10 Gramm THC pro Monat erwerben. Die Preise wurden subventioniert, um mit dem illegalen Markt konkurrenzfähig zu bleiben.
Apotheker*innen boten zudem strukturierte Beratung an, sobald Cannabis abgegeben wurde. Diese umfasste Informationen zum risikoärmeren Konsum, zur Erkennung problematischer Nutzung und zum Zugang zu Fachdiensten, falls nötig. Teilnehmende erhielten im Rahmen des Programms keine verpflichtende Psychotherapie oder pharmakologische Behandlung.
Das Modell kombinierte daher mehrere Schutzmaßnahmen:
- Bekannter Cannabinoidgehalt und kontrollierte Produktqualität
- THC‑Stärke und monatliche Kaufbeschränkungen
- Wiederholter Kontakt mit geschulten Apotheker*innen
- Schadensminderungs‑Beratung und Zugänge zu Fachversorgung
Diese Merkmale sind wichtig, weil die Legalisierung viele Formen annehmen kann. Ein streng reguliertes Apothekensystem erzeugt andere Anreize und Risiken als ein stark wettbewerbsintensiver Verbrauchermarkt, der auf Markenbekanntheit, Produktinnovation und Umsatzwachstum ausgerichtet ist.
Was geschah nach einem Jahr?
Die Studie bewertete den Cannabiskonsum, Symptome problematischer Nutzung, Depression, Angst und psychotische Symptome zu Beginn und im Verlauf. Forschende nutzten etablierte Screening‑Instrumente, darunter den CUDIT‑R für problematischen Cannabiskonsum, den PHQ‑9 für Depression und den GAD‑7 für Angst.
| Messgröße | Ausgangswert | 12 Monate | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Häufigkeit des Cannabiskonsums | 18,7 Tage pro Monat | 20,1 Tage pro Monat | Bescheidene Steigerung |
| Depressionswert | 5.37 | 4.53 | Leichte Abnahme |
| Angstwert | 3.81 | 3.20 | Leichte Abnahme |
| Mögliche Cannabis‑Nutzungsstörung | 32.7% | 28.6% | Keine statistisch signifikante Veränderung |
| Menge an Cannabis pro Konsumtag | Zu Beginn gemessen | Im Wesentlichen unverändert | Keine signifikante Veränderung |
Das interessanteste Ergebnis war die scheinbare Trennung zwischen Konsumhäufigkeit und Schaden. Die Teilnehmenden konsumierten an mehr Tagen pro Monat Cannabis, nahmen jedoch an jedem Konsumtag nicht signifikant mehr ein. Gleichzeitig sanken ihre durchschnittlichen Werte für problematischen Konsum.
Diese Unterscheidung unterstützt weitere aufkommende Forschung, die nahelegt, dass die reine Häufigkeit ein unvollständiges Maß für das Cannabirisiko sein kann. Beispielsweise zeigte die Forschung zu Cannabiskonsum und dem Stresssystem des Körpers, dass biologische Unterschiede die cannabisbezogenen Folgen genauer widerspiegeln als allein die Anzahl der Konsumtage.
Hochrisikoteilnehmende erfuhren die größte Veränderung
Zu Beginn der Schweizer Studie erfüllten 126 Teilnehmende die CUDIT‑R‑Schwelle für eine mögliche Cannabis‑Nutzungsstörung. Ihr durchschnittlicher Wert sank nach einem Jahr von 16,11 auf 13,89. Das überstieg die zweipunktige Veränderung, die frühere Forschung als klinisch zuverlässig eingestuft hat.
Allerdings blieb der durchschnittliche Follow‑Up‑Wert über der Schwelle für eine mögliche Cannabis‑Nutzungsstörung. Unter den Hochrisikoteilnehmenden mit vollständigen Follow‑Up‑Daten blieben 87,4 % in der Hochrisikokategorie. Das Apothekenmodell hat somit den problematischen Konsum nicht eliminiert, obwohl die durchschnittliche Symptomschwere abnahm.
Teilnehmer, die zu Beginn unter der Hochrisikoschwelle lagen, zeigten praktisch keine Veränderung ihrer Werte. Das könnte bedeuten, dass der größte potenzielle Nutzen des Modells darin liegt, Schaden bei Personen zu reduzieren, die bereits problematischere Konsummuster aufweisen. Es könnte auch teilweise die Regression zum Mittelwert widerspiegeln, bei der ungewöhnlich hohe Anfangsmessungen im Verlauf natürlicherweise näher an den Durchschnitt heranrücken.
Die Risikobewertung sollte auch untersuchen, wie Cannabis konsumiert wird. Aktuelle Forschung mit mehr als 17.000 erwachsenen Amerikanern ergab, dass Personen Cannabis in mehreren Formen zu konsumieren deutlich höhere Raten von häufigem Gebrauch und einer Cannabis‑Use‑Disorder aufwiesen. Ein reguliertes System, das Potenz, Produktformat, Konsumhäufigkeit und Folgen überwacht, würde ein umfassenderes Bild liefern als ein System, das sich ausschließlich am Kaufvolumen orientiert.
Warum der Zugang über Apotheken die Cannabis‑Ergebnisse verändern könnte
Eine Apotheke tut mehr, als nur einen illegalen Verkäufer zu ersetzen. Sie verändert das Umfeld rund um jeden Kauf.
Verbraucher kennen die Stärke und Zusammensetzung des Produkts. Sie können Beratung erhalten, ohne den illegalen Markt zu betreten, und wiederholte Interaktionen mit Apothekern können Möglichkeiten schaffen, einen zunehmenden Konsum zu erkennen. Das Modell vermeidet zudem einige kommerzielle Drucksituationen, die Hersteller und Händler dazu ermutigen, größere Mengen zu verkaufen, immer potenter werdende Produkte einzuführen oder den Konsum als Teil eines erstrebenswerten Lifestyles zu vermarkten.
Das macht Cannabis nicht harmlos. Stattdessen legt es nahe, dass Schaden durch eine Kombination aus dem Wirkstoff, dem Konsumenten, dem Produkt und dem umgebenden Markt entsteht. Eine Person, die ein potenzbegrenztes Produkt von einem Apotheker erwirbt, befindet sich in einem anderen Risikoumfeld als jemand, der ein nicht getestetes Produkt illegal kauft oder ein hochpotentes Konzentrat von einem stark umkämpften Einzelhändler auswählt.
Aktuelle Evidenz aus Deutschland erinnert erneut daran, dass politische Ergebnisse nicht allein auf den Legalisierungsstatus reduziert werden können. Forschungen fanden keinen unmittelbaren Anstieg des Cannabiskonsums bei Jugendlichen nach teilweiser Legalisierung, obwohl die Forschenden warnten, dass eine längerfristige Beobachtung weiterhin notwendig sei.
Zusammengefasst sprechen diese Ergebnisse dafür, spezifische Regelungen zu evaluieren, anstatt jeden legalen Markt als austauschbar zu betrachten.
Die Studie beweist nicht, dass Cannabis die psychische Gesundheit verbessert hat
Die Reduktionen der Depressions‑ und Angstwerte erfordern eine besonders sorgfältige Interpretation. Die Teilnehmer wiesen zu Studienbeginn relativ niedrige durchschnittliche Symptomwerte auf, sodass nur begrenzter Spielraum für bedeutende Verbesserungen bestand. Die Veränderungen waren statistisch signifikant, aber gering, und der Anteil derjenigen, die klinische Schwellenwerte überschritten, nahm nicht signifikant ab.
Die Studie war zudem eine unkontrollierte Vor‑Nach‑Analyse. Das ursprüngliche Weed‑Care‑Projekt nutzte in den ersten sechs Monaten Gruppen mit sofortigem und verzögertem Zugang, doch schließlich erhielt jeder den Apothekenzugang. Für die 12‑Monats‑Analyse gab es keine Gruppe, die über den gesamten Zeitraum ohne Zugang blieb.
Forscher konnten daher die Effekte des regulierten Zugangs nicht von unabhängigen Lebensveränderungen, der Teilnahme an einem Forschungsprojekt, der Regression zum Mittelwert oder nicht gemessenen Behandlungen wie Psychotherapie trennen. Die Ergebnisse sollten nicht als Hinweis darauf interpretiert werden, dass Freizeit‑Cannabis Depressionen oder Angstzustände behandelt.
Weitere Einschränkungen schränken die Schlussfolgerungen zusätzlich ein. Alle Cannabis‑ und psychischen Gesundheits‑Ergebnisse wurden selbstberichtet. Personen mit akuter Psychose, schwerer psychiatrischer Instabilität oder hohem Suizidrisiko wurden ausgeschlossen, und der durchschnittliche Teilnehmer war fast 36 Jahre alt. Das bedeutet, dass die Stichprobe jüngere Menschen oder besonders anfällige Personen für cannabisbedingte psychiatrische Effekte nicht vollständig repräsentierte.
Die Exposition gegenüber dem regulierten System war ebenfalls unvollständig. Etwa 51 % des Cannabis der Teilnehmenden stammten aus den teilnehmenden Apotheken, während 49 % weiterhin vom illegalen Markt kamen. Jegliche beobachteten Ergebnisse spiegeln daher ein gemischtes Versorgungsumfeld wider und nicht ausschließlich Apotheken‑Cannabis.
Legalisierung ist ein Rahmenwerk, keine einzelne Politik
Die Schweizer Ergebnisse bieten eine nützliche Alternative zur üblichen Legalisierungsdebatte. Die relevante Frage ist nicht nur, ob Erwachsene legalen Zugang erhalten sollten, sondern welche Institutionen, Anreize und Schutzmechanismen diesen Zugang regeln sollten.
Ein kommerzielles Modell kann Verhaftungen reduzieren und illegale Verkäufe ersetzen, kann jedoch auch niedrigere Preise, eine größere Produktvielfalt, höhere Potenz und stärkeren Konsum begünstigen. Ein Apothekenmodell kann diesen Druck mindern, indem es Qualitätskontrolle, professionellen Kontakt und frühzeitige Intervention integriert. Sein Kompromiss besteht darin, dass strengere Kontrollen es schwieriger machen können, illegale Anbieter vollständig zu verdrängen, wie die nahezu gleichmäßige Aufteilung zwischen regulierten und illegalen Käufen in der Schweizer Studie zeigt.
Die frühen Evidenzen beweisen nicht, dass Apotheken die idealen Cannabis‑Einzelhändler sind. Sie zeigen jedoch, warum Regierungen mehrere Modelle testen und mehr messen sollten als nur den Gesamtumsatz oder die Zahl der Cannabiskonsumenten. Relevante Ergebnisse umfassen die Potenzexposition, Konsummenge, problematischen Konsum, psychische Gesundheit, Teilnahme am illegalen Markt und den Zugang zu Unterstützung.
Das Experiment in der Schweiz weist letztlich auf eine Mittelposition hin. Regulierte Zugänge können existieren, ohne Cannabis entweder als gewöhnliches Konsumgut oder als psychiatrische Behandlung zu klassifizieren. Wenn längerfristige und besser kontrollierte Studien ähnliche Ergebnisse liefern, könnte die Abgabe über Apotheken zu einem wichtigen Modell für Jurisdiktionen werden, die Cannabis legalisieren wollen, während sie die öffentliche Gesundheit über das kommerzielle Wachstum stellen.
Literatur:
1 Pichler, E.-M., Mosandl, F., Kronschnabel, J., Meyer, M., Guessoum, A., Herrmann, O., Curiger, J., Vogel, M., Walter, M., & Baltes-Flückiger, L. (2026). Recreational cannabis access via pharmacies: A 1-year Swiss study on cannabis use and mental health. Drug and Alcohol Dependence, 113337. https://doi.org/10.1016/j.drugalcdep.2026.113337












